HEINRICH VOGELERS SCHRIFTEN

Heinrich Vogeler: Dir

          Illustrierte Gedichtseite aus Dir
          von Heinrich Vogeler
          Federzeichnung handkoloriert
          Insel Verlag Leipzig 1899

Heinrich Vogeler hat knapp zwanzig Bücher bzw. Broschüren geschrieben, hinzu kommen eine Vielzahl von Beiträgen in Zeitschriften und Zeitungen sowie die erst postum erschienene, Fragment gebliebene Autobiographie. Sein schriftstellerisches Werk steht neben seinen vielfältigen Aktivitäten in den anderen Sparten der Kunst und der Alltagskultur, ohne dass sich der Autor wohl dezidiert als Schriftsteller verstanden hätte, zumal seine Texte überwiegend der Essayistik und politischen Publizistik zuzurechnen sind. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften (und auch seiner Briefe) existiert nicht. Die Schriften sind bibliographisch aber bestens erschlossen (siehe Bernd Stenzig: Heinrich Vogeler. Eine Bibliographie der Schriften. Worpswede: Worpsweder Verlag, 1994).

Vogelers Schriften sind eng mit den unterschiedlichen Schaffensperioden des Künstlers verbunden. Am Anfang steht der singuläre Gedichtband Dir (1899) mit Liebesgedichten, dessen ästhetisierende Text-Bild-Arrangements dem zeitgenössischen Fin de Siècle und seinem Hang zum Gesamtkunstwerk verpflichtet sind. Durch zahlreiche Neuauflagen, u.a. als Insel-Bändchen, ist dieser schmale Band relativ bekannt geworden.

Erst knapp zwei Jahrzehnte später trat Vogeler wieder literarisch an die Öffentlichkeit: Anfang 1918 schrieb er seinen aufrührerischen Brief An S[eine] M[ajestät] dem deutschen Kaiser!, ein später auch unter dem Titel Brief an den Kaiser vom Januar 1918 als Protest gegen den Frieden von Brest-Litowsk bzw. Märchen vom lieben Gott bekannt gewordener Text, der ursprünglich gar nicht zur Publikation gedacht war und der während des Ersten Weltkriegs als Flugblatt zirkulierte. Die pazifistische Zielsetzung dieses Schreibens brachte dem Autor die zeitweilige Einweisung in eine Beobachtungsstelle für Geisteskranke ein.

Den Großteil seiner Schriften – rund ein Dutzend – publizierte Vogeler im Kontext der Novemberrevolution von 1918. Sie stehen im erkennbaren Zusammenhang mit dem Experiment der Barkenhoff-Kommune dieser Jahre. Diese zwischen 1919 und 1922 erschienenen Broschüren mit oft nur wenigen Seiten Umfang sind häufig mit einer Umschlag-Illustration des Künstlers versehen und verfolgen ausnahmslos sozial- und kulturrevolutionäre Ziele. In ihrem häufig manifestartigen, begrifflich oft nur schwer nachvollziehbaren Duktus berühren sie sich mit dem expressionistischen Pathos dieser Jahre, aber auch dem linksradikalen revolutionären Utopismus, wie bereits die einschlägigen Titel erkennen lassen: Über den Expressionismus der Liebe (1918); Das Neue Leben. Ein kommunistisches Manifest (1919); Siedlungswesen und Arbeitsschule (1919); Proletkult. Kunst und Kultur in der Kommunistischen Gesellschaft (1920); Expressionismus. Eine Zeitstudie (1920); Die Freiheit der Liebe in der kommunistischen Gesellschaft (1920); Die Arbeitsschule als Aufbauzelle der klassenlosen menschlichen Gesellschaft (1921); Kosmisches Werden und menschliche Erfüllung (1921); Friede (1922).

Heinrich Vogeler: Das neue Leben

Titel zu Heinrich Vogeler
Das neue Leben
Ein kommunistisches Manifest

„Die Silbergäule“, Band 19
Paul Steegemann Verlag Hannover, 1919

In diesen Schriften entwickelte Vogeler seine antiautoritäre, auf dem Räteprinzip gegründete Utopie vom neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft, die er zusammen mit seinen Weggefährten zu dieser Zeit auf dem Barkenhoff auch ganz konkret zu verwirklichen suchte. Begleitet wurden diese Publikationen durch Dutzende von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, die ebenfalls von politischen, sozialen und kulturell-künstlerischen Themen handeln. Zum Teil stellten sie Auszüge aus seinen Broschüren dar, zum Teil waren es Originalbeiträge. Erschienen sind sie in den Periodika der anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung, gelegentlich auch in Publikationen aus dem Umfeld der Jugendbewegung, z.T. auch in den Rundschreiben der Barkenhoff-Kommune. Die Schriften dieser Periode waren eingebunden in ein dichtes Kommunikationsnetz linker Publikationsorgane und avantgardistischer Verlage, so der Buchreihe der Silbergäule im Hannoveraner Paul Steegemann-Verlag, und verweisen auf zeittypische enge Berührungen zwischen der künstlerischen und der politischen Avantgarde.

Diese Publikationsphase reichte bis zum Ende der Barkenhoff-Kommune 1922/23 und Vogelers Übersiedlung nach Berlin, später nach Sowjetrussland. Erst 1925 erschien wieder ein Buch von ihm, nun in einer ganz anderen Gattung als der des politischen Aufrufs, nämlich der von ihm selbst illustrierte Reisebericht Reise durch Rußland. Die Geburt des Neuen Menschen. Darin legte Vogeler Rechenschaft über seine Russland-Reise von 1923 ab, wobei er durch seine praktische Einbindung in verschiedene sowjetische Kultur- und Kunst-Institutionen den Blick auch auf innere Vorgänge werfen konnte. Da in der Weimarer Republik das Gros der Russland-Reiseberichte erst um 1930 erschienen ist, ist Vogelers Bericht aus der Vor-Stalin-Ära ein wichtiges Dokument, das vor der sowjetischen Folie immer auch eine Kritik der deutschen Verhältnisse übt.

Dies sollte sein letztes Buch überhaupt sein, das er zu Lebzeiten in Deutschland veröffentlichte bzw. veröffentlichen konnte. Hinzuweisen ist auf die Zeitschrift Fontana Martina, die er 1931/32 zusammen mit Fritz Jordi in Ascona herausgegeben hat. 1937 kam in russischer Sprache Vogelers Buch über Frans Masereel heraus, in den Dreißiger Jahren schrieb er für die sowjetische und die Exilpresse zahlreiche kunsttheoretische und -kritische Arbeiten. Seine in dieser Zeit entstandene Autobiographie blieb Fragment. Sie wurde postum 1952 in einer vorläufigen Version in der DDR von Erich Weinert herausgegeben, 1989 erfolgte eine verlässliche, umfassende Ausgabe u.d.T. Werden. Erinnerungen. Darin interpretiert Heinrich Vogeler seine Entwicklung vom Märchenprinzen des Ästhetizismus über die vermeintlichen Irrwege der revolutionären Jahre der Barkenhoff-Kommune zum überzeugten Partei-Kommunisten – Selbstinterpretationen, denen man nicht unbedingt folgen wird, die aber das interessante Abbild einer markanten Persönlichkeit und ihrer Zeit bieten.

Walter Fähnders, 2013

Langversion des Vortrags: Heinrich Vogelers Schriften von Walter Fähnders