HEINRICH VOGELER UND DER ERSTE WELTKRIEG

Heinrich Vogeler meldet sich im September 1914 als Kriegsfreiwilliger. Die Motive des fast 42-Jährigen haben mit der allgemeinen Kriegsbegeisterung wenig zu tun. In erster Linie geht er zum Militär, weil die Fundamente aller früheren Lebensformen zusammengebrochen sind: Die Kunstentwicklung ist (vorerst) über ihn hinweggegangen; sein Worpsweder Heim und Hauptwerk Barkenhoff ist keine Insel der Schönheit geworden; der sozialreformerische Architekt Vogeler der Jahre 1909 bis 1911 ist am Profitdenken der Geldgeber gescheitert. Ohne eigene Möglichkeiten, seinem Leben noch eine Form zu geben, sucht er eine Rolle, die das Leben von außen formt – die des Soldaten.

Aber der Schritt hat auch eine politische Seite. Vogeler zieht hinaus, um für den Friedenszustand unter den Menschen zu kämpfen. Auch ihm stellt sich im Nebel der reichsdeutschen Propaganda der Kriegsausbruch als eine feindliche Verletzung des Menschheitsfriedens dar, den wiederherzustellen Sinn dieses Krieges sein soll.

Vogeler dient fast ausschließlich an der Ostfront, ab April 1915 als Nachrichten-Unteroffizier und künstlerischer Chronist beim Generalkommando eines Armeekorps. Seine Sonderstellung bringt es mit sich, dass er sich einerseits unter hohen Armeeführern bewegt, andererseits an der vordersten Front Einblick in die ganze Grausamkeit des Krieges gewinnt.

Mit seinen Kriegs-Zeichnungen erreicht Vogeler wieder eine breitere Öffentlichkeit, 1915 vor allem mit einer Serie von Postkarten nach Federzeichnungen aus den Karpaten, 1916 mit der großen Mappe Aus dem Osten. Aus Vogeler Kriegs-Zeichnungen spricht eine auffällige Abwehrhaltung. Vogeler blendet bewusst die Grauen des Krieges aus. Er will die Schlachtfelder nicht wahrhaben und den Preis nicht sehen, den sein persönlicher Ausweg und die vermeintliche Wiederherstellung des Menschheitsfriedens kosten.

Ab Mitte 1916 wächst bei Vogeler der Verdacht, dass die Rede vom Menschheitsfrieden Phrase ist, dass eine verlogene deutsche Politik, die sich dabei auch noch auf das Christentum beruft, in Wahrheit Raub und Eroberungen anstrebt. Dieser Schwindel tritt drastisch um die Jahreswende 1917/18 bei den Verhandlungen über einen deutsch-russischen Separatfrieden in Brest-Litowsk zutage. Die deutsche Reichsleitung antwortet auf das sowjetische Angebot eines Friedens ohne Gebietsabtretungen mit extrem annexionistischen Friedensbedingungen.

Aus diese aktuelle Konstellation bezieht sich Vogelers berühmt gewordener Friedensappell an den Kaiser (Das Märchen vom lieben Gott) vom 20.Januar 1918, an dessen Schluss Gott beim Kaiser vorstellig wird, auf dass dieser einen gerechten Frieden schließe. Mit dem Kaiserbrief setzt Vogeler sein Leben aufs Spiel und verwirkt es auch fast, kommt aber schließlich mit der Einweisung in eine Bremer Beobachtungsabteilung für Geisteskranke und nachträglicher Polizeiaufsicht noch glimpflich davon.

Vogelers Brief an den Kaiser markiert die große Zäsur im Leben des Künstlers, aber noch nicht seinen Übergang zu einer sozialistischen Position, die er sich erst in den letzten Kriegsmonaten vor Ausbruch der Novemberrevolution 1918 erschließt. Von da an wird Vogelers unverrückbare Lehre des Krieges sein, dass der Kapitalismus abzuschaffen ist, weil er zu Machtstreben und Besitzgier und zu Kriegen als deren lediglich konsequenter Zuspitzung führt.

Bernd Stenzig