DIE ARBEITSSCHULE AUF DEM BARKENHOFF 1919-1922

Heinrich Vogeler: Die Arbeitsschule

Titel zu Heinrich Vogeler
Die Arbeitsschule als Aufbauzelle der klassenlosen menschlichen Gesellschaft
Konrad Hanf Verlag Hamburg, 1921
Barkenhoff-Stiftung Worpswede

Als Vogeler 1918 aus dem Krieg nach Worpswede zurückkehrte, wollte er sich für den Aufbau einer neuen Gesellschaft einsetzen. Er öffnete seinen Barkenhoff allen Suchenden dieser Umbruchzeit und engagierte sich selbst im Arbeiter- und Soldatenrat Osterholz. Die gewaltsame Zerschlagung der Rätebewegung in Bremen und anderen Städten Deutschlands löste bei Vogeler die Erkenntnis aus, dass eine neue Gesellschaft nur mit neuen Menschen aufgebaut werden kann, die erst noch in neuen Schulen heranwachsen müsse. Daher beschäftigte er sich ab 1919 in mehreren Aufsätzen und Broschüren mit Erziehungsfragen, wobei er immer wieder auf die besondere Rolle der Arbeit, des kollektiven Verhaltens und der gegenseitigen Hilfe einging – Elemente, die im Erziehungsprozess des neuen Menschen zu fördern wären.

Vogelers Erziehungsideen stehen dem sozialistischen Arbeits- und Produktionsschulkonzept Pawel Blonskijs nahe und grenzen sich vom bürgerlichen Arbeitsschulgedanken Georg Kerschensteiners ab. Die von Vogeler angestrebte Verbindung von neuen Lebens- und Erziehungsformen sollte in einem System von Stadt- und Landkommunen erfolgen, in das Arbeitsschulen als Stätten der Erziehung integriert waren.

Die Schule sollte, wie die sie umgebende Gesamtkommune, selbstversorgend arbeiten. Landwirtschaft, Gärtnereien und Werkstätten würden demnach in der Schule betrieben werden. Leitgedanke solch einer Arbeitsschule war daher, […] das Kind durch aktive Arbeit an dem Wirtschafts- und Handwerksbetrieb der Schule so teilnehmen zu lassen, daß das Kind von dem Gefühl getragen ist, ein Mitglied der Gemeinschaft zu sein, auf dessen gestaltende Kraft es ankommt, das durch sein ganzes Leben und Gestalten dazu beiträgt, die Lebensverhältnisse aller zu entlasten und zu verbessern. Alle Pädagogik geht von einem Kollektivgefühl aus […]. Alle Lehraufgaben für die Kinder würden sich aus dem Gemeinschaftsleben entwickeln.

Die Kinder sollten mit kleinen selbstverantwortlichen Aufgaben an die Arbeit herangeführt werden. Das Kind beginnt frühzeitig mit der Pflege der Tiere, später ist es das Bekanntwerden mit dem Arbeitsgerät, mit der Maschine und ihre Pflege; daran schließt sich das Studium der wichtigsten Arbeitsformen […]. Vogeler forderte für die neue Erziehung die Einheit zwischen Lernen und Arbeiten. Diese Ganzheitlichkeit sollte sich immer aus den Alltagserfahrungen der Kinder ergeben. So geben die verschiedenen täglichen Arbeiten des Gemeinschaftslebens die Lehrmittel für den mannigfaltigen Schulplan des Tages. Es kann die Ankunft des Saatpakets durch die Post dem Tag den Charakter des Rechentages, der Ordnung und Verteilung der Saat auf dem Fensterbrett und freie Aussaat geben. […] alles Lernen [wird] aus den Bedürfnissen für die Gemeinschaft wachsen.

Es war einmal … und es wird sein

Briefbogen
Briefkopf des Barkenhoff, nach 1923

Auf der Grundlage dieser pädagogischen Idee gestaltete Vogeler mit dem Stamm der sich fester bildenden Barkenhoff-Kommune den Hof zu einer Arbeitsschule um. Zum festen Kern zählten 1919/1920 neben Heinrich Vogeler auch Walter Hundt, Marie Griesbach, Familie Harjes, August Freitäger sowie Clara Möller. Für die Sicherung der wirtschaftlichen Grundlage und zur Umsetzung des Arbeitsunterrichts für die 6-10 Kinder wurden Metall- und Holzwerkstätten eingerichtet sowie die Landwirtschaft und der Gartenbau intensiviert. Im Frühjahr 1921 kam die Lehrerin Gerda Sommermeyer für die Betreuung der Kinder auf den Hof.

Im Mai 1921 beantragte Vogeler beim Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die staatliche Förderung für die im Aufbau befindliche Arbeitsschule. Mit dem Datum vom 17. Mai 1921 stellte die Barkenhoff-Kommune den Antrag auf Anerkennung als Versuchsschule. Dem Antrag waren das pädagogische Konzept der Arbeitsschule in Form Vogelers programmatischer Schrift Die Arbeitsschule als Aufbauzelle der klassenlosen menschlichen Gesellschaft beigefügt.

Aus dem Unterrichtsministerium gab es anfangs ein Signal, dem Antrag stattzugeben und der Arbeitsschule Barkenhoff eine vierjährige Entwicklungsfreiheit zu gewähren. Abschließend sollte aber nach einem vom Landrat Becker anzufertigenden Bericht entschieden werden. Der Bericht von Becker empfahl die Anerkennung wegen der staatsfeindlichen Zielsetzung der Kommune zu verweigern, was dann mit dem Schreiben des Ministeriums vom 10. August 1921 auch geschah. Nach diesem Rückschlag konstituierte sich die Barkenhoff-Gemeinschaft am 21. September als Verein Arbeitsschule Barkenhoff e.V., und gab sich eine Satzung, die die Kommune- und Erziehungsideale widerspiegelte. Unterstützungshilferufe in der linken Presse und in Zeitungen der Jugendbewegung wiesen schon früh auf die Krise des Arbeitsschulversuchs hin, der sich von der Erziehungsprogrammatik her als Keimzelle für eine zukünftige, klassenlose Gesellschaft verstand und sich damit als Insel im kapitalistischen Meer wiederfinden musste, dessen Wellen das Experiment immer wieder an den Rand des Überlebens trieben.

Zu der gesellschaftlichen Isolierung kamen ideologische Zerwürfnisse zwischen den Kommunemitgliedern. Lebens- und Erziehungsfragen wurden in dem Spannungsfeld zwischen anthroposophischen und anarchistisch-syndikalistischen Idealen diskutiert, was bald zum Bruch zwischen einzelnen Personen führte. So verließ Fidi Harjes, Leiter der Metallwerkstatt, im November 1922 mit seiner Familie und der Werkstatteinrichtung den Hof. Im November 1922 lebten nur noch 3 Kinder auf dem Barkenhoff. Die Kommune konzentrierte sich nun mehr und mehr auf den wirtschaftlichen Teil des Siedlungsversuchs, die Arbeitsschulidee stand nur noch auf dem Papier.

Siegfried Bresler, April 2014